Fünf Fragen an Kirsten Tackmann

1.  Warum ist die ökologische auch immer eine soziale bzw. Gerechtigkeits-Frage?

Der Protest der Umweltbewegung der 1960/ 70er Jahre in den USA hat nur dazu geführt, dass besonders umweltbelastende Industrien in ärmere Stadtgebiete verlagert wurden. Das war der Anfang einer neuen Bewegung, die ökologische mit sozialen Problemen verbunden hat – also nicht „nur“ Klimaschutz, sondern Klimagerechtigkeit wurde das Ziel. Gerade LINKE müssen außerdem die Machtstrukturen als Ursache bekämpfen, sonst zahlen die Ärmsten zuerst die Zeche ökologischer Fehler. Ein Systemfehler muss behoben werden. Ein grüner Anstrich reicht nicht.
Die Lausitzer Tagebaue sind auch ein Beispiel. Aus ökologischer Sicht müsste ein sozial gestalteter Kohle-Ausstieg längst vorbereitet und begonnen werden. Nicht nur zum Schutz des Klimas oder wegen der langwierigen, kostspieligen und schwierigen Rekultivierung der Flächen. Sondern damit für die Lausitz neue Perspektiven jenseits der Kohle entwickelt werden können. Durchhalteparolen helfen den Menschen in der Lausitz nicht, sondern verlässliche, gemeinwohlorientierte Politik.

2.  Welche Strukturen müssen sich verändern, damit ökologische Lebensweisen für alle möglich werden?

Es geht dabei um verschiedene Ursachen, die beseitigt werden müssen. Wer über wenig Geld verfügt, wird z. B. weder Solaranlage noch energetische Sanierung finanzieren können. Als MieterIn kann das sogar eine Bedrohung sein. Es geht aber nicht nur um Armut in diesem Sinne. Auch Bildungsarmut behindert ökologische Lebensweisen. Gegenstrategien der Mächtigen sind damit übrigens auch erfolgreicher. Vegane Lebensmittel werden z. B. unterdessen oft von der Fleichverarbeitungsindustrie hergestellt. Aber der Auf- oder Ausbau regionaler Lebensmittelverarbeitung und -vermarktung stellt deren Macht infrage und kostet leider auch Geld, das oft fehlt. Und wir haben natürlich auch eine moralische Hürde: wenn es um ein vielfaches billiger ist, zu fliegen bzw. mit dem Fernbus zu fahren als mit dem Zug, fällt die Entscheidung für das ökologischere Reisen schwer.

3.  Was sind die „harten Brocken“ für die linke Politik, denen sie sich stellen muss?

Am schwersten aber auch am wichtigsten ist, das System als Grundlage infrage zu stellen. Das ist aber sehr mächtig und beeinflusst über ein weit verzweigtes Netz neoliberaler Denkschule sehr effektiv die veröffentlichte Meinung. Da es dabei um viel Macht und Geld geht, ist der Widerstand massiv. Trotzdem gibt es einen gesellschaftlichen Wandel, bei dem aber aktuell offener denn je ist, in welche Richtung er geht.
Nicht nur arm und reich driften auseinander, sondern auch Vorstellungen vom guten Leben, von der Gesellschaft wandeln sich. Auf der einen Seite erleben Entsolidarisierung, Intoleranz und der Ruf nach einem autoritären Staat fröhlich Wiederauferstehung, andererseits verlieren starre Lebenskonzepte an Stellenwert, wie z. B. (Erwerbs-)Arbeit.
Die junge Generation macht andere Bedürfnisse geltend. Zeitliche Verdichtung des Alltags, zu wenig Zeit mit Familie und Freunden und die Dominanz des Geldes trifft genauso auf Widerstand wie der Raubbau an der Natur oder unethische Geschäftsmodelle. Sie wollen Veränderung und linke Politik müsste hier mehr konkrete und deutlicher adressierte Angebote machen, damit neue Lebensentwürfe nicht zur Armutsfalle werden.

4.  Erwerb/Muße/Sorgearbeit: Welchen Mix brauchen wir, um die Gesellschaft nachhaltig umzugestalten?

Endlich hat wieder eine Debatte um Sorgearbeit begonnen, die uns vor Augen führt, warum unser ökonomischer Wohlstand so mies verteilt ist: weil ein ganz erheblicher Teil der geleisteten Arbeit gar nicht erst bezahlt wird!
Wo Pflege und Betreuung inzwischen institutionalisiert und von Angestellten staatlicher oder privater Unternehmen gemeistert wird, sind diese Jobs meist sehr viel schlechter entlohnt als andere Branchen. Wir brauchen mehr Anerkennung von Arbeit insbesondere im sozialen, aber auch im künstlerischen Bereich, aber auch für ehrenamtliche Arbeit und für die Familie. Und es muss mehr Freiraum für die Entfaltung aller Interessen und Potenziale geben, die man in der Erwerbsarbeit nicht nutzen kann (oder will), die aber zum guten Leben dazu gehören.

5.  Was machen Sie schon oder haben sich vorgenommen, um Ihren eigenen ökologischen Fußabdruck zu verkleinern?

Selbstverständlich nutze ich, wo immer es geht, den ÖPNV, vor allem den Zug. Ich bevorzuge regional oder ökologisch erzeugte, fair gehandelte Lebensmittel und habe den Fleisch- und Wurstkonsum reduziert. Wir heizen zu Hause nur nach wirklichem Bedarf und auch den Energieverbrauch für Licht versuchen wir zu reduzieren. Im Garten verwenden wir vor allem Solarlampen mit Bewegungsmelder. Geräte werden nur ersetzt, wenn nötig. Und ich habe unseren Garten naturnah gestaltet für Schmetterlinge, Insekten, Eidechsen, Vögel und andere Lebewesen.
Außerdem unterstütze ich Initiativen für Umweltbildung und habe mit dafür gesorgt, dass in der Kyritz-Ruppiner Heide kein Krieg geübt wird, sondern sich die Natur dieses Stück Heimat zurückerobern konnte. Politisch unterstütze ich vor allem eine auf die regionale Versorgung ausgerichtete Land- und Fischereiwirtschaft sowie naturnahe Waldbewirtschaftung, aber auch eine Kennzeichnung von Lebensmitteln und anderen Produkten, die eine Kaufentscheidung für eine naturverträgliche und sozial verantwortliche Produktion ermöglicht.

 

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